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Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie

Auszug aus dem Buch "Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie" Berlin 1992 von Hans Bangen. (update hier)

Zusammenfassung und Ausblick

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Ein Hauptproblem bei der geschichtlichen Betrachtung der Schizophrenie und ihrer Behandlung ist der Umstand, daß alle damit zusammenhängenden Fragen sehr kontrovers diskutiert werden und daß nur wenige unumstößliche Fakten bekannt sind.Durch geschicktes Wählen von Zitaten ist es leicht möglich, die jeweils gewünschte Richtung zu unterstützen oder zu diskreditieren. Zudem ist es schwierig, "historische" und "aktuelle" Fragen zu trennen. Durch die Verknüpfung dieser beiden Bereiche ergeben sich aus der vorliegenden Darstellung folgende Aussagen:

1. Versuche, mit Medikamenten psychische Krankheiten zu heilen, sind so alt wie die Psychiatrie selbst.

2. Zu allen Zeiten gab es Befürworter und Kritiker der somatischen Therapien psychiatrischer Krankheiten. Die Einstellung hängt nicht unbedingt davon ab, ob es sich um Ärzte, Psychologen, Laien oder Patienten handelt.

3. Vor der Entdeckung der Neuroleptika gab es bereits als wirksam angesehene somatische Therapien der Schizophrenie. Die wichtigsten waren die Insulin-Koma-Therapie und die Elektro-Krampf-Therapie.

4. Die Entdeckung der somatischen Therapien verlief unabhängig vom Stand der Forschungen im Bereich der Psychopathologie und Ätiologie. Die Frage, ob die schizophrene Psychose akut oder chronisch ist, spielt eine größere Rolle als die Einteilung in verschiedene Formen.

5. Eine definitive Einschätzung der Wirksamkeit von psychiatrischen Therapien ist historisch nicht möglich. Erst durch die Einführung von Doppel-Blind-Studien und standardisierten Verlaufsbeobachtungen in den letzten Jahren können valide und reproduzierbare Aussagen getroffen werden. Ein Problem bleibt weiterhin die Frage nach dem "Spontanverlauf" schizophrener Psychosen in einer sich ständig wandelnden Umwelt.

6. Die Frage nach der Kausalität der Psychopharmakatherapie wird oft diskutiert. Durch die Akzeptanz einer wie auch immer gearteten positiven Wirkung der Neuroleptika scheint sie jedoch häufig nur von akademischem Interessse zu sein.

7. Fast alle Befürworter der somatischen Therapien weisen auf die große Bedeutung von begleitender Psychotherapie und sozialen Maßnahmen hin. Psychopharmaka werden auch von den meisten Psychotherapeuten als hilfreich angesehen.

8. Bei den Untersuchungen über die Wirkung von nNeuroleptika wird selten über Beobachtungen an gesunden Versuchspersonen und über das subjektive Erleben von Patienten berichtet.

9. Eine der wichtigsten Auswirkungen der Neuroleptika auf die Psychiatrie war die Möglichkeit ihres Einsatzes in der ambulanten Behandlung. Dieser Aspekt, der maßgeblich an der Integration der Psychiatrie in die Medizin beteiligt war, wird im Vergleich zu der stationären Behandlung in den wissenschaftlichen Arbeiten kaum beachtet.

10. Bei keiner anderen Medikamentengruppe spielen die Nebenwirkungen eine so große Rolle wie bei den Neuroleptika. Dies betrifft die Abwägung von Gefahr und Nutzen ebenso wie Forschungen über die Ätiologie von Krankheiten.

11. Bis zum Anfang der sechziger Jahre war Chlorpromazin ein Medikament das bei fast allen psychischen Störungen angewandt wurde. Die Einführung der Antidepressiva und Benzodiazepine führte zu einer "Abspaltung" der Indikationen für endogene Depressionen und Neurosen.

12. Die Neuroleptika-Therapie ist die am längsten praktizierte und am weitesten verbreitete somatische Behandlung der Schizophrenie. Es fällt jedoch auf, daß die einzelnen Substanzen häufig nur einige Jahre intensiv angewandt wurden, um dann von neuen oder wiederentdeckten Medikamenten abgelöst zu werden. Eine Rückkehr auf breiter Ebene zu den "drastischen" Therapien scheint ausgeschlossen. Auch grundsätzlich neue Behandlungsformen sind nicht in Sicht.

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Text in englisch hier

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